Der Trend zum Kontrollverlust: Automatisierung in Google Ads [Search Camp Episode 115]

25. Februar 2020 | Von in SEA, Search Camp + Alles auf Start

Bei Google Ads tut sich einiges in letzter Zeit – vor allem in Richtung Automatisierung. Braucht es bald überhaupt noch Agenturen oder läuft ein Ads-Konto bald auf Autopilot? Nimmt Google Werbetreibenden immer mehr Kontrolle ab? Und welche Aufregung gibt es um das Google Partnerprogramm?

 

 

Transcript

Markus Hövener: Da sind wir jetzt live aus dem Bloofusion Podcast-Studio. Ich bin nicht alleine, weil das Thema SEA finde ich zwar total spannend, aber habe viel zu wenig Ahnung davon. Deswegen habe ich wieder den Martin dabei. Moin Martin!

Martin Röttgerding: Moin Markus!

Markus Hövener: Also unser Head of SEA bei Bloofusion. Wir haben sowieso, ich sag mal, privat über das Thema gesprochen, da haben wir gesagt, können wir auch gleich direkt eine Podcast-Folge daraus machen. Übertitelt haben wir es mal mit „Der Trend zum Kontrollverlust – Automatisierung in Google Ads“. Wir hatten das Thema so halbwegs ähnlich schon mal Im letzten Jahr. Hat sich seitdem was getan, also gab es in den letzten Wochen, Monaten, Entwicklungen, wo du sagst, da tut sich was in Bezug auf Automatisierung?

Martin Röttgerding: Also wir haben gerade eine große Entwicklung, die betrifft eigentlich nur Agenturen, nämlich dass Google mal wieder das Partnerprogramm aktualisiert, die Bedingungen. Und eine dieser Bedingungen ist, dass wir einen gewissen Prozentsatz der automatisiert erstellten Empfehlungen von Google umsetzen müssen. Das heißt, das ist irgendwo ein System, eine KI, wie auch immer, das schlägt uns was vor, und wenn wir unseren Partner-Status behalten wollen, dann haben wir gefälligst diese Sachen umzusetzen. Ist die Frage, ob es wirklich so heiß gegessen wird, wie es da grad gekocht wird? Wir brauchen einen gewissen Score, den Score haben wir in der Praxis sowieso, aber es zeigt halt nochmal, dass Google sich selbst immer mehr zutraut, was diese ganzen automatisierten Dinge angeht. Wir können sie noch selber umsetzen, aber viele dieser Sachen, zumindest manche kann man mit einem Klick umsetzen, das heißt, das könnte Google auch selber machen. Das hat zumindest bei mir nochmal zu so einem Nachdenken geführt, wo wir eigentlich gerade so auf dem Weg hin sind. Wir haben eine Entwicklung, die ist, kann man sagen, seit 10 Jahren mindestens da, dass Google immer wieder irgendwelche Optionen wegnimmt, irgendwelche Sachen automatisiert. Ein typisches Beispiel sind so Keyword Match-Types, das heißt, was muss jemand eintippen, damit mein Keyword eine Anzeigenschaltung auslöst? Früher war es mal so, man konnte sagen: Nur wenn jemand exakt das eintippt, dann kommt die Anzeige. Dann kamen so Sachen wie Rechtschreibfehler dazu. Inzwischen sind wir so weit, dass Google sagt: Die Intention muss stimmen. Das heißt, wenn ich Laufschuhe als Keyword habe und jemand tippt Sportschuhe oder Turnschuhe ein, dann kommt es darauf an, ob Google sagt: Das ist die gleiche Intention. Und solche Entwicklungen haben wir natürlich schon ewig dabei, das wird halt immer schlimmer. Aber ist halt die Frage, wie weit das geht und wann wir an so einen Punkt kommen, wo wir halt kaum noch was machen können?

Markus Hövener: Also riecht erstmal wahnsinnig nach Konflikt zwischen Google, Agentur und Kunde.

Martin Röttgerding: Ja.

Markus Hövener: Also was das Partnerprogramm angeht, ja, da kocht das im Moment so ein bisschen hoch. Diese Bedingungen gelten ab Mitte des Jahres. Viele sagen: Boah, natürlich, wir arbeiten für den Kunden und wir lassen uns von Google nichts vorschreiben. Und das ist sicher erstmal richtig so. Ich glaube, wenn auch nur irgendwo bei Kunden der Hauch des Eindrucks aufkäme, dass wir für Google und nicht für sie arbeiten, dann könnten wir hier auch zumachen. Das heißt, das ist eine Entwicklung, wenn es jetzt irgendwie so ist, dass uns Google die Pistole auf die Brust setzt, dann müssen wir sagen: Okay, ja sorry, aber so wichtig ist dieses Partnerprogramm jetzt nicht. Denn letztlich Partnerprogramm heißt hauptsächlich, wir haben diesen Badge, dieses Abzeichen, bei uns auf der Website. Wir wissen nicht, ob das überhaupt irgendwen interessiert. Es gibt auch eine Möglichkeit, bei Google quasi nach Agenturen zu suchen. Da ist in den, weiß ich nicht, letzten 10 Jahren ein Lead darüber gekommen und das war einer, der Accounts bei uns kaufen wollte, um damit irgendwelchen Schabernack zu machen. Also das ist völlig wertlos. Wir haben einen etwas besseren Agentur-Support natürlich, wir kommen an Betas ran. Das heißt, ja, wir würden was aufgeben, aber man muss auch sagen: Das Ding steht durchaus zur Disposition, wenn Google da zu krass wird. Wie gesagt, dann gibt es viel Aufregung im Moment, Google will einen Optimierungs-Score von mindestens 70 Prozent haben im Schnitt. Ich glaube, mit einem Kunden irgendwo auch mal unter 80 zu kommen, ist schon ein Kunststück. Also jetzt nicht, weil wir alles machen, was Google will, sondern eher, weil Google die Sachen, die wir machen, halt auch gutfindet. Aber ich habe auch Beispiele gesehen, wo Google so Sachen wollte wie, erhöht euer Budget oder probiert einen neuen Kampagnentyp aus, der eigentlich nicht sinnvoll für euch ist. Und dann gibt es dafür sehr, sehr viele Punkte. Wie gesagt, wenn wir da an so einen Punkt kämen, wo Google uns dazu zwingen will, irgendwas zu machen, was wir nicht wollen, dann würden wir halt unseren Hut nehmen müssen.

Markus Hövener: Lass uns doch mal kritisch draufgucken. Ich mag ja auch immer die Frage: Warum? Also warum macht Google das? Was nutzt Google das, was sie da machen?

Martin Röttgerding: Klar, wenn es um sowas geht wie, erhöht euer Budget, dann ist ziemlich klar, was das Google bringt. Aber bei vielen anderen Sachen ist es auch einfach so, dass Google an diese Dinge glaubt. Wenn Google sagt, hier, fügt mal die neuen Keywords hinzu oder probiert mal das Suchnetzwerk aus, zum Teil ist es, dass die mehr Geld daran verdienen. Es ist aber auch zum Teil, dass sie wirklich davon überzeugt sind, dass diese ganzen automatisierten Sachen irgendwie gut sind. Früher konnte man sagen, ich lehne die ab, dann bekam man die punkte genauso. Also das heißt, wenn da irgendwie hieß es, ich kriege jetzt 10 Prozent mehr Score, wenn ihr diese Empfehlung macht, dann konnte man sich angucken, konnte sagen: Nee, ist nichts für mich. Dann war auch gut. Das ist jetzt nicht mehr so. Auf der anderen Seite, diese Sachen werden auch immer besser, das muss man auch sehen. Also bei uns gab es durchaus auch schon Begeisterung für manche Keyword-Vorschläge. Vorher war es alles Stuss und jetzt passt es tatsächlich. Okay, nicht schlecht. Aber Google hat eben dieses Selbstvertrauen und diesen unbedingten Glauben an die Technik, der da auch zu Konflikten führt und in der Vergangenheit auch zu vielen Konflikten geführt hat. Plus, die Leute, die da bei Google gerade sitzen oder schon seit langem sitzen, die kriegen nicht mit, was uns hier für Sorgen umtreiben, dass wir vielleicht manche Sachen doch ein bisschen kritisch sehen. Die sind einfach so weit weg von unserer Realität, da kommen wir nicht ran. Und das ist ein Problem.

Markus Hövener: Okay, das war das Ganze aus Google-Sicht. Was nutzt es dem Werbetreibenden?

Martin Röttgerding: Dem Werbetreibenden nutzt es auf jeden Fall inzwischen, wenn man sich diese Empfehlungen anguckt, weil da sind auch durchaus sinnvolle Sachen drin. Alleine schon, weil man vielleicht nicht immer alles auf dem Schirm hat. Kleiner Werbeblock, wir als Agentur, wir haben unsere eigenen Tools, die uns auf solche Sachen auch hinweisen, aber klar, Google hat da nochmal eine andere Perspektive und es ist auch durchaus sinnvoll, quasi dazu gezwungen zu sein sich mit Sachen zu beschäftigen. Das Problem ist, wenn wir diese Sachen umsetzen müssten.

Markus Hövener: Wobei jetzt Druck gab’s doch eigentlich immer schon. Also sobald du in der Agenturbetreuung bist, dann sagt Google erstmal: Hier, Display-Netzwerk und …

Martin Röttgerding: Ja. Also es gibt Druck. Dem kann man sich bisher ganz gut widersetzen, auch weil auf der anderen Seite immer Menschen sitzen, die auch irgendwo wissen, dass manche Sachen einfach nicht im Sinne der Kunden sind. Jetzt ist es so, da sitzt halt eine Maschine. Trotzdem, wir müssen nicht alles machen, was die uns sagt, wir werden nicht alles machen, was die uns sagt. Von daher mal schauen.

Markus Hövener: Jetzt haben wir Google angeguckt, Werbetreibende, jetzt müssen wir uns natürlich auch noch die armen Agenturen angucken. Nutzt das, was da passiert, den Agenturen?

Martin Röttgerding: Also durchaus, je nachdem, welchen Anspruch man als Agentur hat. Wenn man immer nur alles brav abhakt, dann wird man glaube ich ganz schnell zur Superagentur in Googles‘ Augen, plus man hat wahrscheinlich nicht so allzu viel Arbeit. Also das ist klar, da kann man sich auch ein leichtes Leben draus machen. Dann arbeitet man halt für Google, nicht im Sinne des Kunden. Man kann sich das auch ein bisschen schönreden. Also ist durchaus auch was, wovon Agenturen profitieren können. Absolut.

Markus Hövener: Also klar braucht man einen Minimum-Score, aber ist jetzt nicht angekündigt, dass je nachdem, welche Range ich da so habe, ob am oberen oder unteren Rand, dass daraus jetzt noch irgendwas folgt?

Martin Röttgerding: Ja, also ich meine, wir haben den Status als Premium-Partner und das sind irgendwie die besten 3 Prozent. Und wie sich die besten 3 Prozent jetzt, also nach welchen Kriterien das die Besten sind, das wissen wir halt nicht. Im Moment hat Google halt 3 Kriterien ausgegeben, das eine ist Spend, das zweite ist Zertifizierung, also wie viele Nutzer sind zertifiziert und das dritte ist halt dieser Score. Und das sind die Kriterien, die ab Mitte des Jahres dann gelten. Ich könnte mir vorstellen, dass Google genau an diesen Dingen das auch alles festmacht. Wir wissen es letztlich nicht, wir wissen nicht, warum sind wir Premium-Agentur und andere nicht? Bei manchen fragt man sich auch, warum sind die Premium-Agentur? Keine Ahnung. Also muss man abwarten.

Markus Hövener: Was du jetzt gesagt so, also es gibt einen Score, basierend darauf wie viele der Empfehlungen ich umsetze. Das ist ja das eine. Aber ist ja auch immer so, dass immer mehr smarte Kampagnen auftauchen.

Martin Röttgerding: Genau.

Markus Hövener: Das ist die andere große Entwicklung.

Martin Röttgerding: Genau. Die andere große Entwicklung, die mir halt durchaus ein bisschen Sorge macht, weil smarte Kampagnen, das heißt erstmal Blackbox. Das ist sowas wie: Es gibt die reinen smarten Kampagnen, die hießen früher Google Express, da ging es darum, geht’s immer noch darum, man macht ein paar Vorgaben, sagt, hier ist meine Website, hier ist ein bisschen Bildmaterial, hier sind ein paar Texte, hier ist mein Budget, und Google mach mal. Vielleicht hier ist noch ein Ziel, hole mir möglichst viele Conversions raus oder so. Aber gib mal gut mein Budget aus und mach mal. Und ich kann dann nicht reingucken, ich sehe nicht, was da passiert. Ich sehe nur das Endergebnis, was hoffentlich gut ist. Und diesen Ansatz, den weitet Google aus. Das geht an verschiedenen Fronten vor. Das ist beispielsweise Smart Shopping, das ist ein Ding, wo ich meine Shopping-Kampagnen eben nicht mehr selber steuere, sondern ich habe eine Smart Shopping Kampagne, die genau nach diesem Prinzip funktioniert. Ich stecke in dem Fall einen Datenfeed rein, wo mein ganzes Bildmaterial und alles drin ist. Ich gebe ein Ziel vor, ich gebe ein Budget vor und Google kann machen. Und dann wird Google meine Shopping-Anzeigen nicht nur bei Google zeigen, sondern auch beispielsweise im Display-Netzwerk als Remarketing-Anzeige, als Prospecting-Anzeige, das heißt, Google wird meine Produkte auch Leuten zeigen, wo Google glaubt, die kennen uns noch nicht, aber vielleicht bringt es was. Google kann dieser Anzeige bei Leuten schalten, die vielleicht grad nach meinem Unternehmen suchen. Das heißt so Quick Win. Google kann Remarketing damit machen, kann das halt bei Warenkorb-Abbrechern zeigen. Also Google kann diese Werbung bei Leuten zeigen, die eher nicht bei mir gekauft hätten, aber auch bei Leuten, die wahrscheinlich sowieso bei mir gekauft hätten. Und ich sehe nur das Endergebnis, ich sehe nur, ich habe soundso viel Umsatz gemacht und das ist hoffentlich ein gutes Ergebnis. Ich weiß aber nicht, wie viel davon jetzt inkrementell ist. Ich weiß nicht, was woher kommt. Ich kann nichts daraus lernen. Also ich kann jetzt nicht da reingucken und sagen: Aus den Erkenntnissen ziehe ich jetzt irgendwelche Schlüsse für meine nächste Kampagne. Das geht alles nicht. Das ist irgendwo gut für Google, weil Google eben alle Kanäle damit bespielen kann und wir nicht reingucken können. Das ist insofern gut für alle anderen, dass sie damit keine Arbeit haben, weil man kann sich damit keine Arbeit machen. Aber es ist halt auch sehr, ja, irreführend, weil wenn ich mir die Ergebnisse nur angucke und ich denke, wow, Umsatz ist ja schön, Kosten-Umsatz-Verhältnis passt, ich weiß aber nicht, dass viele Leute davon sowieso bei mir gekauft hätten, dann ist es nicht mehr in meinem Sinne. Und grad bei Smart Shopping ist das Problem, dass Google dieses neue Format eben sehr pusht und tatsächlich auch Werbetreibenden andient, die längst normale Shopping-Kampagnen haben, die also eigentlich schon das fortgeschrittene Ding haben. Man hört immer mehr von diesen Smart Shopping Dingern, dass Google die immer mehr in den Markt drückt. Dass ich mich halt frage: Gehen die regulären Shopping-Kampagnen irgendwann weg? Schafft Google die uns irgendwann unter der Nase ab, weil sie sagen, ah, das andere ist doch eh besser? Ja, das würde für einen Aufschrei sorgen, aber ich glaube, keiner kann auf seine Shopping-Kampagnen verzichten, dafür ist Google halt der Monopolist.

Markus Hövener: Macht das ganze Smarte die Sache vielleicht auch ein bisschen teurer? Also man kann ja einfach nicht mehr reingucken in das Ding.

Martin Röttgerding: Genau. Also man muss davon ausgehen, dass Google eben Entscheidungen trifft, wir zeigen eure Werbung jetzt auch an anderen Stellen, die ihr vielleicht sonst nicht gewählt hättet. Im Durchschnitt passt das alles, im Durchschnitt wird Google halt zusehen, dass die Ziele erreicht werden, aber eben auf Kosten von manchen Dingen, die man einfach weggeschnitten hätte. Und natürlich dieses inkrementelle Ding, wie viele Leute hätten eh gekauft?

Markus Hövener: Und das klingt so ein bisschen danach, dass es weniger Spielraum so für individuelle Ansätze gibt. Also ich weiß, dass du da selber auch gerne dran rum frickelst und das System auslotest.

Martin Röttgerding: Genau. Also wir haben ja jede Menge, speziell von uns ist ja auch die Shopping-Struktur, wo man Kampagnen so unterteilt, dass unterschiedliche Suchbegriffe in unterschiedliche Kampagnen gehen, um darauf besser bieten zu können. Das fällt natürlich weg, plus jede Menge anderer Dinge auch. Und ich glaube, das große Betätigungsfeld ist immer noch die ganz normale Suche, die Such-Kampagnen, die Keyword-Kampagnen, wo immer noch sehr viel eigener Gehirnschmalz drinsteckt. Wo Google aber auch irgendwann sagen könnte: Naja, wir machen jetzt nur noch irgendwie einen automatisierten Typ. Ich glaube, das dauert noch was, weil die smarten Kampagnen, so der Grundtyp smarte Kampagne, der eben genau dafür da ist, der ist nicht besonders gut, da ist sehr viel Quatsch. Google versteht Geschäftsmodelle nicht. Also wenn ich jetzt einen Klempner habe, okay, dann versteht Google das, bei vielen anderen Dingen versteht das Google nicht. Aber man muss auch sehen, dass eben neue Kampagnentypen, neue Werbeformen, wie zum Beispiel Werbung bei Google Discover oder lokale Kampagnen, wo ich auf Google Maps und Co. werbe, dass die gleich als smarte Kampagnen angelegt sind. Also da gibt es gar keinen normalen Kampagnentyp mehr. Gut, da kann sich jetzt Widerspruch regen, weil die heißen nicht smart, aber die funktionieren so. Die funktionieren nach dem Prinzip, hier sind ein paar Anzeigenelemente, ein paar Bilder, ein Budget, Google mach mal. Und wir kriegen hinterher auch da nichts nennenswert an Auswertungen, was passiert ist. Beispielsweise lokale Kampagnen, da geht es darum, Leute in die Ladenlokale zu bekommen, also in die Geschäfte, und wir sehen, okay, das funktioniert irgendwie gut, aber wir wissen nicht, wie viele von den Leuten waren gerade auf Google Maps und haben eh nach unserem Laden gesucht. Also dieses ganz typische Ding, wir wissen nicht, wie viel hat es uns zusätzlich gebracht.

Markus Hövener: Das Ganze wirft natürlich die Frage auf, ob man uns als Agentur, als SEA-Agentur, in zwei Jahren noch so braucht, vor allem mit dem Headcount, den wir gerade haben. Sitzen da vielleicht einfach zwei Leute mal irgendwann vor 17 Monitoren und steuern das Ganze nur wie in so einem großen Atomkraftwerk?

Martin Röttgerding: Also genau, dieses Cockpit-Denken gibt es durchaus. Ist eine Frage, die mich durchaus umtreibt. Ich glaube, in zwei Jahren wird sich da noch nicht so viel tun, aber ich sag mal in 5 oder 10 Jahren ist schon die Frage, jetzt nicht unbedingt, weil Google so gut wird, dass die das alles selber können, sondern was mich eher umtreibt ist, schafft Google irgendwann alles andere ab und lässt uns das gar nicht mehr machen, einfach weil Google überzeugt ist, dass sie das selber können? Ich glaube, gut, wir, so wie ich das sehe, machen dann halt andere Sachen, es gibt noch jede Menge andere Kanäle. Und ich glaube, auch da muss sich Google in Acht nehmen, dass sie natürlich, wenn sie diese ganzen Sachen, schön und gut, dass Google da das Selbstvertrauen hat, aber wenn die Performance am Ende bei anderen Kanälen besser ist, dann logisch, gehen auch alle zu anderen Kanälen. Aber ich glaube, wenn wir immer weniger Stellschrauben haben, dann können wir natürlich immer weniger optimieren, dann haben wir zwangsweise auch weniger Arbeit und müssen uns umgucken, was machen wir dann? Ich weiß nicht, ob es so weit kommt oder in absehbarer Zeit so weit kommt, aber ich denke, da müssen wir uns darauf einstellen, sowieso unsere Arbeit ändert sich ständig. Mal gucken, habe ich noch keine abschließende Antwort zu.

Markus Hövener: Wie ist denn überhaupt so die Reaktion der ganzen Agenturen auf das, was da passiert? Großer Aufschrei, oder?

Martin Röttgerding: Also, was dieses Partnerprogramm angeht, ja, grad großer Aufschrei. Da sind aber auch ein paar Sachen, ich habe ja grad gesagt, von den 3 Kriterien ist eins, Zertifizierung, und da ist es jetzt so, dass Google sagt, die Hälfte der berechtigten Nutzer soll zertifiziert sein. Und das sind bei uns 75 Nutzer, davon die Hälfte soll zertifiziert sein. Wer den Podcast kennt, wer uns kennt, fragt sich jetzt: 75 Leute? Ihr habt doch keine 75 Leute. Nee, wir haben ungefähr 30 Leute, von denen 37 zertifiziert sein sollen. Das klappt natürlich nicht.

Markus Hövener: Läuft super.

Martin Röttgerding: Jetzt gibt’s da einen Riesenaufschrei drum. Ist erstmal verständlich. Google hat das ein bisschen klargestellt, aber irgendwie hat niemand diese Klarstellung verstanden. Die Klarstellung ist: Die Hälfte der Nutzer des Verwaltungskontos und von Nutzern, die zur gleichen Firma gehören und auf einzelne Konten Zugriff haben. Also von diesen 75 Nutzern, die sind eben nicht alle bei uns im Verwaltungskonto, sondern die haben Zugriff auf irgendwelche Kundenkonten. Aber wir haben noch mehr Nutzer da drin. Jetzt stellt sich die Frage: Wenn man sich das mal genauer anguckt, stellt man fest, das sind alles Nutzer mit Gmail-Adressen. Und was Google jetzt nämlich macht, ist, die gucken sich an, welche Firmenadressen sind da drin im MCC. Das heißt, wir haben da lauter Nutzer, irgendwas@bloofusion.de. Ein Nutzer von uns hat eine Gmail-Adresse, das werden wir ändern, aber im Moment glaubt: @gmail.com ist unsere Firmendomain. Warum auch immer. Aber alle Nutzer mit einer @gmail.com Adresse in unserem MCC, die irgendwo auf ein Konto Zugriff haben, die zählen jetzt zu unserer Firma und davon die Hälfte soll sich bitte zertifizieren lassen. Wir werden jetzt einfach diesen einen Nutzer halt auf eine @bloofusion.de Adresse umstellen und alles wird gut sein. Das hat aber niemand verstanden. Da frage ich mich, warum regen sich im Moment alle über dieses Detail auf? Warum schafft es aus der Branche niemand gerade, das zu verstehen und ein bisschen Ruhe da reinzubringen? Gut, Ich hab‘s verstanden, ich habe auch noch keine Ruhe reingebracht. Werde ich mal tun, werde einen kleinen Artikel darüber schreiben. Aber trotzdem im Moment grad auf Twitter, alle regen sich darüber auf. Auf der anderen Seite, Google schafft es auch nicht zu verstehen, worüber die sich aufregen, um das mal eben klarzustellen. Und das ist wieder unsere Aufreger-Gesellschaft.

Markus Hövener: Wollte ich grad sagen. Ich meine, womit verdient Google Geld? Mit Google Ads. Und dann machen sie sowas und sehen so einen Konflikt nicht voraus oder dieses Problem nicht voraus? Das kann ja irgendwie nicht sein.

Martin Röttgerding: Ja, sie sehen das Problem nicht voraus und sie schaffen es auch gerade nicht zu kommunizieren, dass das Problem so groß nicht ist. Also von wegen, ja, eine @gmail Adresse, dann stellt die halt um beziehungsweise dann schafft doch mal irgendwie Ausnahmen oder keine Ahnung. Aber das immer die Maschine, die macht irgendwas und bei Google weiß keiner, was die Maschine macht und die Leute, die es ändern könnten, sind so weit weg irgendwo in Mountain View, die kriegen das alles nicht mit. Und das ist eine komische Sache.

Markus Hövener: Du hattest mir noch ein Stichwort in meinen virtuellen Block diktiert, nämlich Zweiklassengesellschaft. Fand ich ganz interessant.

Martin Röttgerding: Ja, vor allem wünsche ich mir die Zweiklassengesellschaft. Nein, die Sache ist, wenn Google alles weiter eindampft und wir immer weniger Möglichkeit haben individuell irgendwo zu optimieren, einzugreifen, ich sag mal, coole Sachen zu machen, dann sehe ich sogar bei unseren Kunden, wo ich jetzt einfach mal sage, die machen einige Sachen eben besser, weil die so eine tolle Agentur haben, Werbeblock Ende, die fallen dann halt zurück. Die werden dann halt das machen müssen, was alle anderen machen, was Googles‘ Systeme irgendwo machen. Jetzt gibt es auch jetzt schon eben gewisse Features, die längst nicht jeder nutzt. So Sachen wie Anzeigenanpassung, Ad Customizier, API-Geschichten, alles Mögliche. Da gibt’s halt viele Details, die man machen kann, die aber nicht jeder macht. Und ich hoffe halt, dass solche Sachen weiterhin möglich sind. Dass Google vielleicht weiterhin auf dem einen Gleis quasi sagt, wir machen Sachen einfacher, damit wir die Einstiegshürden abbauen, plus das System wird ja immer komplexer, weil immer mehr Sachen darüber gemacht werden können, immer mehr Werbeformen, dann fahren wir halt die Komplexität an anderer Stelle zurück. Okay. Aber dass es quasi optional ist und dass wir immer noch sagen können: Wir wollen aber noch das hier machen, weil das hat immer noch einen Mehrwert und wir wissen, wie das geht. Das hoffe ich, dass das weiterhin möglich ist. Da habe ich aber auch gewisse Bedenken, weil Beispiel Anzeigenanpassung, das ist ein Feature, das wurde vor, weiß ich nicht, 3, 4, vielleicht 5 Jahren eingeführt, da ist in den letzten Jahren nicht mehr viel passiert, auch wenn das ein total tolles Ding ist. Und da frage ich mich: Hat Google das aufgegeben? Macht Google in der Richtung nichts mehr? Ich weiß nicht, seit 2018 ist keine neue API-Version rausgekommen. Gut, das liegt daran, dass Google eigentlich auf eine neue API umsteigen wollte, aber trotzdem, so ein Profi-Feature, das einfach im Moment vernachlässigt wird. Und da frage ich mich: Ist das Zufall oder zeigt das einfach auf, wo die Reise hingeht?

Markus Hövener: Gut. Bevor wir zum SMX-Werbeblock kommen, haben wir zu dem Thema noch was vergessen?

Martin Röttgerding: Ich hoffe nicht.

Markus Hövener: Ja, dann lass uns über die SMX reden. Steht ja auch schon wieder vor der Tür. Für die meisten da draußen 2 Tage München, für uns beide 4 Tage München. Ich freue mich sehr darauf. Und vor allem redest du auch, ich habe nochmal nachgeguckt, das Thema heißt „Connecting the Dots“. Sag mal kurz, also für alle, die natürlich dich hören wollen, worum geht’s?

Martin Röttgerding: Also es ist ein reines E-Commerce Thema und es ist was, was mich schon länger umtreibt, wo ich jetzt durch diesen SMX-Vortrag ein bisschen gezwungen werde, auch Farbe zu bekennen und das Ding quasi in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Idee ist, dass Händler eigentlich alle zwar verschieden sind, aber alle die gleiche Infrastruktur im Hintergrund für Google aufgebaut haben. Alle haben einen Datenfeed, alle haben Markup auf der Seite, alle haben Google Ads, die meisten haben Google Analytics mit einem E-Commerce Tracking und so weiter. Und wir können quasi hergehen und da quasi die Punkte verbinden. Wir können sagen: Wir nehmen Informationen von der Website, die ihr mit dem richtigen Markup ausgezeichnet habt, verknüpfen das mit Informationen aus Google Ads, aus dem Merchant Center, aus dem Datenfeed und können dadurch Struktur reinbringen. Wir können da viele schöne Sachen daraus machen, um vor allem zu verstehen, was passiert da in Google Ads. Wir haben eine unstrukturierte Kampagne aufgebaut und wir nutzen jetzt diese ganzen Daten, um zu verstehen, wie irgendeine beliebige Anzeige eigentlich in unsere Struktur reinpasst, um dann beispielsweise automatisiert Anzeigen-Erweiterungen zu setzen, um die richtigen Sitelinks da rein zu packen, die richtigen Snippets und so weiter, einfach weil wir plötzlich Ordnung in dem Chaos finden. Und da habe ich jede Menge einzelne Ideen, das Ganze mündet theoretisch in einem riesigen supertollen Tool, das ich am liebsten irgendwann mal bauen würde, aber auch an vielen einzelnen Sachen, die man irgendwo umsetzen kann. Screaming Frog kann man dazu, glaube ich, ganz gut benutzen. Wie gesagt, ich werde dieses Thema erstmals groß vorstellen und hoffe bis dahin das Ganze in einen kohärenten guten Vortrag zu bringen.

Markus Hövener: Sehr gut. 1. oder 2. Tag? Wann hast du?

Martin Röttgerding: 1. Tag am Nachmittag.

Markus Hövener: Am Nachmittag. Okay. Da bin ich nämlich auch dran.

Martin Röttgerding: Ich glaube, ich bin parallel zu dir.

Markus Hövener: Ah Head to Head, das ist schade. Okay nee, aber dann schaue ich mir einfach später die Folien an oder so. SMX wird glaube ich eh dieses Mal spannend, weil es ist das erste Mal, dass simultan übersetzt wird, und zwar sollen die ganzen deutschen Speaker in Englisch übersetzt werden simultan. Ich würde da gerne mal reinhören, ich weiß gar nicht, ob wir die Chance dazu haben. Einfach nur mal gucken.

Martin Röttgerding: Klar. Also jeder kann das mit seinem Smartphone glaube ich machen. Ich glaube, es gibt eine App. Aber du musst da Kopfhörer mitbringen.

Markus Hövener: Ja, das kriege ich glaube ich gerade noch hin. Okay, cool. Du, wenn nichts mehr ist, würde ich sagen, falls wir uns da draußen auf der SMX sehen, falls ihr mit Martin sprechen wollt, falls ihr mit mir sprechen wollt, absolut gerne. Meldet euch über die diversen Kanäle, die ihr sowieso so kennt. Ansonsten vielen Dank Martin für deine Zeit und auch die offenen Worte.

Martin Röttgerding: Ja danke, dass ich hier reden darf.

Markus Hövener: Das treibt uns als Agentur natürlich auch um. Also auch da freuen wir uns natürlich auf den Austausch mit euch. Meldet euch einfach, ansonsten macht euch ein tolles Leben. Bis bald. Ciao!

Martin Röttgerding: Ciao!

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Markus Hövener

Markus Hövener ist Gründer und Head of SEO der auf SEO und SEA spezialisierten Online-Marketing-Agentur Bloofusion. Als geschäftsführender Gesellschafter von Bloofusion Germany ist er verantwortlich für alle Aktivitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Markus Hövener ist Buchautor (International SEO), Autor vieler Artikel und Studien rund um SEO und SEA und Chefredakteur des Magazins suchradar.

In seiner Freizeit hat Markus vier Kinder, spielt gerne Klavier (vor allem Jazz) und hört auf langen Autofahrten „Die Drei Fragezeichen“.

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