Der SISTRIX Sichtbarkeitsindex: Was? Wie? Warum? [Search Camp Episode 122]

7. April 2020 | Von in Search Camp + Alles auf Start, SEO

Viele Unternehmen nutzen Sichtbarkeitswerte, um z. B. den Erfolg von SEO-Maßnahmen zu bewerten und um Fehlentwicklungen erkennen zu können. Aber auf welchen Daten basiert eigentlich der Sichtbarkeitsindex? Welche Faktoren fließen dort ein – und welche nicht? All das klärt sich im Gespräch mit Johannes Beus, SISTRIX-Gründer und Sichtbarkeitsindex-„Erfinder“.

 

 

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Transcript

Markus Hövener: Moin, herzlich willkommen zu Search Camp, heute mit dem Thema Sichtbarkeitsindex. Es gab schon mal eine Folge ehrlich gesagt dazu, aber ohne den Erfinder des Sichtbarkeitsindex, deswegen habe ich den Johannes jetzt in der Leitung. Moin Johannes!

Johannes Beus: Hallo, guten Morgen!

Markus Hövener: Hi! Ich stelle eigentlich immer am Anfang gerne meine Gäste vor. Ich habe mal so nachgeguckt, was alles so in deiner Historie steht. Das ist bei anderen Gästen so, dann fängst du an zu erzählen, war vorher da, hat das gemacht, hat das gemacht und irgendwann war er dann halt jetzt das. Und bei dir, ich habe in deinem XING-Profil nachgeguckt, in deinem LinkedIn-Profil steht immer nur Sistrix. Gab es ein Leben vor Sistrix?

Johannes Beus: Es gab in der Tat ein Leben vor Sistrix, das war relativ kurz, da war ich bei Idealo, dem Preisvergleich. Das war so die Zeit um 2001, 2002, wurde quasi nuklearer Winter in Berlin genannt. Gerade ist der Neue Markt explodiert und in Berlin gab es gar nicht mehr so viel Start-ups. Das war quasi die Zeit, wo ich bei Idealo gelandet bin. Habe mich dann aber relativ schnell selbstständig gemacht und habe quasi eigene Projekte betrieben schon sehr früh unter dem Namen Sistrix. Also auch bevor es die Sistrix Toolbox gab, habe ich quasi als Sistrix, unter der Marke Sistrix habe ich eigene Projekte betrieben, habe da ein Consulting, Beratung gemacht und dann 2008 mit der Toolbox angefangen.

Markus Hövener: Magst du dem einen Prozent da draußen, was nicht weiß, was die Toolbox ist, mal kurz sagen, was die Toolbox ist und was hat dich damals bewogen dazu die aufzubauen?

Johannes Beus: Ja, sehr gerne. Also wie ich eben schon meinte, ich war bevor ich die Toolbox als Software gebaut habe, war ich als SEO Berater unterwegs, war bei relativ vielen großen Medienhäusern unterwegs und ich war immer schon relativ datenzentriert und datenfokussiert. Also habe immer schon quasi eigene Daten erhoben und habe versucht, Empfehlungen und Tipps auf Basis von Daten zu treffen und habe das quasi auch in meinem Beratungsmandat versucht. Und da stand ich immer vor dem Punkt, dass es schwer war, quasi Empfehlungen zu geben, wenn man die nicht belegen konnte. Man hat gesagt, es wäre eine ganz gute Idee, wenn ihr Titel ändert, aber es ist natürlich viel, viel besser, wenn man sagt, guck mal hier, Wettbewerber XY hat Titel geändert und seitdem läuft es bei denen viel, viel besser. Und das war eigentlich der Punkt, wo ich gemerkt habe, ich brauche externe Daten, die es in der Form damals noch nicht gab. Wenn man damals SEO gemacht hat, dann hat man entweder einzelne Keywords betrachtet. Es gab natürlich die Leute, die wollten für „Kredit“ gut ranken, wollten für „private Krankenversicherung“ gut ranken. Für die war es super wichtig, dass sie für dieses eine Keyword gerankt haben. Es gab aber noch keine wirklich sinnvolle Lösung, um quasi Performance von so einem ganzen Keyword-Set oder von einem größeren Keyword-Korpus zu bewerten. Und das war so ein bisschen die Grundlage, dass ich mir überlegt habe: Wie geht das eigentlich? Wie könnte ich hingehen und eine Methode finden, um nicht nur einzelne Keywords zu bewerten, um nicht nur zu sagen, guck mal, bei dem Keyword geht es ein bisschen hoch, bei dem geht es ein bisschen runter. Damals gab es ja noch diese ganzen großen Google Dances, wo sich dann alle paar Monate richtig was getan hat, das waren die Zeiten irgendwie Florida Update und wie das alles hieß. Und da habe ich gesagt: Okay, ich fange einfach mal an quasi ein größeres Set von mir ausgewählten Keywords regelmäßig zu betrachten und das als so eine Art Gesamtset zu nehmen und auf Basis von diesem Gesamtset, von diesem großen Gesamtset Beobachtungen zu machen und Empfehlungen geben zu können.

Markus Hövener: Und dann muss ja irgendwann dieser Sichtbarkeitsindex entstanden sein, weil aus den Einzelrankings und Einzeldaten, das verdichtest du ja auf einen Wert. Was war da so der Gedanke dahinter?

Johannes Beus: Genau, der Gedanke dahinter war: Natürlich kann man den Leuten zeigen, guck mal, du bist bei 398 Keywords gestiegen und bei 237 Keywords ein bisschen gesunken. Das wird aber schon relativ schnell abstrakt. Also da kann man sich wenig drunter vorstellen. Während man natürlich, wenn man sagt, guck mal hier, wir errechnen einen Indexwert, so ein bisschen wie der Dax meinetwegen, den ihr erkennt und wo wir sagen, wir verdichten quasi die ganzen Rankingbewegungen für deine Domain auf einen Indexwert und können dir sagen, wenn der Wert nach oben geht, dann bist du in den Google Ergebnissen erfolgreicher, wenn der Wert nach unten geht, dann bist du weniger erfolgreich.

Markus Hövener: Jetzt so grundsätzlich, ich nehme an, es gibt irgendeine Formel. Das heißt, du nimmst ja irgendwie deine ganzen Rankings und deine Daten, alles was du hast und verdichtest die auf diesen einen Wert. Kannst du mal irgendwie sagen, also ohne jetzt die konkrete Formel aufzuzählen, aber was genau zählt alles rein, also was brauchst du an Einzeldaten, um diesen Indexwert zu errechnen?

Johannes Beus: Also so ganz geheim ist das gar nicht. Wir haben es auch auf unserer Seite stehen, wie wir den Sichtbarkeitsindex tendenziell berechnen, also quasi wie das allgemeine Vorgehen da ist, dass wir das beschreiben. Wir sagen natürlich nicht quasi, wie das für jedes einzelne Keyword geht, aber wir beschreiben schon wie das allgemein geht. Also im ersten Schritt erheben wir die Suchergebnisse für 1 Million Suchanfragen Keywords. Wichtig ist bei diesen Keywords, dass das ein repräsentativer Querschnitt über das Suchvolumen in dem jeweiligen Land ist. Also der Sichtbarkeitsindex für Deutschland halt für Deutschland, in der Schweiz dann für die Schweiz und so weiter. Wir haben das ja aktuell für 30 verschiedene Länder. Einen kleinen Teil von diesen Keywords, die tauschen wir regelmäßig aus, um quasi Veränderungen in der Nachfrage zu entsprechen. Sowas wie irgendwie Fußball WM 2002 ist heute nicht mehr so spannend, dafür wird es wahrscheinlich Olympia 2021 dann sein. Und da erheben wir die ersten 100 Google Treffer, also die ersten 100 organischen Google Treffer und haben dann für jedes Land 100 Millionen Datenpunkte. Also 1 Million Keywords mal 100 als Grundlage für den Sichtbarkeitsindex, das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist dann: Wir gehen hin und gewichten diese Datenpunkte nach dem Suchvolumen des Keywords, also sowas wie „Immobilien“ hat natürlich deutlich mehr Suchvolumen als „Immobilien Bonn“ und dann noch irgendein Ortsname oder irgendeine Straße zum Beispiel dahinter. Also wir gucken uns das Suchvolumen an und gucken uns auch noch die erwartete Klick-Wahrscheinlichkeit an. Das ist bei Marken sehr, sehr anders, als wenn es allgemeine generische Begriffe sind. Das sieht man quasi an der Suchintention relativ klar. Das ist der zweite Schritt, also quasi wir schauen uns an, wie hoch ist die vermutete Klick-Wahrscheinlichkeit auf den Positionen. Und in einem dritten Schritt, das ist der finale Schritt, nehmen wir diese ganzen Werte, gewichten quasi die Rankings aus dem ersten Schritt mit den Werten aus dem zweiten Schritt und summieren das für jede Domain auf. Und die Summe von diesen beiden Werten ist dann der Sichtbarkeitsindex für die Domain.

Markus Hövener: Und man muss natürlich auch noch sagen, Sichtbarkeitsindex gibt es nicht nur für die Domain, sondern auch für Unterverzeichnisse oder Subdomains und so.

Johannes Beus: Genau. Also wir machen das quasi für die komplette Domain, wir machen es für einzelne Hostnamen, also Subdomains, wir machen es für Verzeichnisse und wir machen es auch für einzelne URLs. Das sind so die vier Bereiche, für die man es machen kann, um quasi immer weiter, immer feiner in eine Domain einzusteigen und zu sagen, hier hat sich was geändert und in dem Bereich nicht.

Markus Hövener: Jetzt hast du ja gesagt, Suchvolumen ist drin. Das ist aber immer quasi das durchschnittliche Suchvolumen, also Saisonalität oder überhaupt, was gerade jetzt so passiert, dass manche Sachen wie Masken sehr oft gesucht werden jetzt gerade, aber in zwei Monaten vielleicht nicht mehr, das rechnet ihr absichtlich nicht mit rein, richtig?

Johannes Beus: Genau. Das ist eine absichtliche Entscheidung, dass wir sagen, wir wollen keine Saisonalität drin haben. Ich meine, Saisonalität hast du bereits in den Ergebnissen drin, wenn du dir die Search Console anguckst, wenn du dir deine Google Referrer anguckst, dann hast du Saisonalität drin. Das entspricht aber eigentlich nicht dem SEO-Erfolg, den du messen willst. Du willst ja als SEO wissen: Gehen meine Rankings im Schnitt nach oben oder gehen meine Rankings im Schnitt nach unten? Und wenn du da Saisonalität drin hast, dann gibt es natürlich Bereiche, da macht es einen Riesenunterschied. Wenn du gerade Winterreifen verkaufst, ist es ein Unterschied, ob du das im Sommer oder im Winter versuchst. Aber auch Punkte wie irgendwie das Wetter, gerade Urlaubssaison, Trends, Fernsehwerbung und so weiter, also diese ganzen externen Faktoren, die wollen wir explizit nicht drin haben, deswegen nehmen wir den 12-Monats-Schnitt für den Traffic.

Markus Hövener: Jetzt hast du ja auch gesagt so, die erwartete Klickrate ist für euch ein Thema. Das war natürlich früher bei Ten Blue Links leichter. Jetzt mittlerweile, du hast Mobile, du hast Desktop und ihr habt mittlerweile über 40 verschiedene Search Features, die ihr irgendwie halt bewerten müsst. Wie geht ihr da vor? Also wo kommen diese Zahlen her?

Johannes Beus: Genau. Also wir kaufen quasi Daten aus verschiedenen Quellen ein, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie werden einzelne Features, wie werden einzelne Treffertypen geklickt und haben deswegen über alle Treffertypen ein ganz gutes Verständnis davon, dass zum Beispiel ein Treffer, der auf der ersten Position Sitelinks hat, dass der ein sehr anderes Klickverhalten hat als ein Treffer, der generisch ist.

Markus Hövener: Ihr würdet jetzt aber nicht zum Beispiel gucken, weiß nicht, ich bin auf Platz 1, auf Platz 2 ist Amazon und Amazon hat grundsätzlich vielleicht eine höhere Klickrate, weil Brand, das wird nicht berücksichtigt, oder?

Johannes Beus: Nee, genau. Das gucken wir jetzt nicht an. Wir gucken uns quasi allgemeine Treffertypen und quasi das SERP-Layout an.

Markus Hövener: Grundsätzlich, ich glaube, ein großes Thema ist natürlich wirklich so quasi die Keyword-Auswahl. Das heißt, du hast gesagt, für jedes Land, in dem ihr aktiv seid, habt ihr eine eigene Keyword-Datenbank. Es ist doch wahrscheinlich immer strittig, wie groß diese Datenbank ist, oder? Also quasi wie viele Keywords brauche ich eigentlich, damit das Ganze aussagekräftig ist?

Johannes Beus: Strittig, weiß ich nicht, ich glaube, es ist eher so ein bisschen, also wir sehen natürlich, es gibt quasi Leute, die haben kein Problem mit Transparenz, die verstehen wie das funktioniert und sehen es eher als hilfreiche Unterstützung und als hilfreiches Tool, um sich im Wettbewerbsvergleich sehen zu können. Und es gibt natürlich quasi auch Leute und Agenturen, denen fällt das nicht so leicht zu sagen, da geht es gerade runter und da müssen wir mal gucken, ob irgendwas bessergemacht werden kann. Das ist glaube ich so ein bisschen der allgemeine Punkt zu strittig. Die Anzahl der Keywords, die ist glaube ich letztendlich gar nicht so entscheidend. Also, wenn du überlegst, dass halt auch Bundestagswahlen mit 1000 befragten Wählern mittlerweile sehr, sehr gut vorhergesagt werden können, dann ist es bei uns mit der 1 Million Keywords, die wir quasi nehmen, da decken wir schon sehr, sehr viel quasi vom Internet ab. Und auch, es gibt ja quasi diese Shorthead-, Longtail-Kurve, die wahrscheinlich alle kennen, wo man sieht, wieviel Keywords werden eigentlich stark gesucht und wie verteilt sich dann der Longtail. Das ist ja in den ganzen Bezeichnungen und in den ganzen Diagrammen, die man sieht, immer eine relativ flachabfallende Kurve. Das entspricht nicht der Realität. Es gibt sehr, sehr wenige Keywords, die sehr viel Suchvolumen haben und diese Kurve, die fällt dann sehr, sehr stark ab. Und der Longtail, der ist sehr flach, aber dafür sehr, sehr lang. Das heißt, den wird man sowieso nie zu 100 Prozent erfassen können. Und das heißt, wenn man davon einen repräsentativen Querschnitt, also einen ausreichend großen Querschnitt hat, dann kann man das sehr zuverlässig hochrechnen.

Markus Hövener: Jetzt ist es aber wahrscheinlich schon so, ich habe die aktuellen Zahlen gar nicht so im Kopf, aber es gibt ja noch Wettbewerber von euch oder Marktbegleiter. Gibt es da einen Kampf um diese Datenmenge, dass ein Konkurrent X sagt, ich habe jetzt aber 5 Millionen Keywords und deswegen bin ich besser? Nimmst du das wahr?

Johannes Beus: Ich kenne ehrlich gesagt keinen Wettbewerber, der so transparent mit seinen Zahlen umgeht wie wir. Deswegen weiß ich gar nicht, wer wie viel Keywords bei sich da einrechnet.

Markus Hövener: Grundsätzlich muss es doch eigentlich so sein, dass in dem Augenblick, du hast ja gesagt, ihr tauscht manche Keywords mal aus oder ihr habt zum Jahreswechsel die Keyword-Datenbank in Deutschland vergrößert, muss es da nicht immer zwangsweise sein, dass sich, wenn ihr was an der Keyword-Datenbasis ändert, dass sich auch der Sichtbarkeitsindex für alle verändert?

Johannes Beus: Also zum einen ist es so quasi, dass die Gesamtanzahl der Punkte, die wir verteilen, die bleibt gleich. Also es ist nicht so, dass quasi durch eine Änderung haben nachher alle weniger, sondern die Gesamtanzahl der verteilten Punkte bleibt gleich. Und zum anderen sind diese Änderungen auch relativ langsam, also sie entsprechen quasi der Änderung in der Bevölkerung im Suchvolumen. Und natürlich tut sich da jetzt über 12 Jahre, die wir das schon machen, tut sich da viel. Es tut sich aber relativ wenig, wenn man das quasi auf einzelne Wochen oder sogar einzelne Tage sich anschaut.

Markus Hövener: Wie geht ihr grundsätzlich vor? Also du hast gesagt 30 Länder, jetzt wollt ihr das 31. Land haben. Wo kommen diese 1 Million Keywords für Aserbaidschan her?

Johannes Beus: Ist eine gute Frage. Also wir haben rund 10 Quellen für Suchvolumen, das sind relativ naheliegende, wie quasi Google Keyword Planner, das sind aber auch so ein bisschen einzigartigere, über die wir gar nicht so gerne reden öffentlich. Wir nehmen diese Quellen und gleichen sie gegeneinander ab, haben dann erstmal einen sehr, sehr großen Keyword Pool, in der Regel 50 bis 100 Millionen Keywords für jedes Land, und suchen aus diesem sehr großen Keyword Pool quasi mit statistischen Methoden die 1 Million richtigen Keywords raus, die uns quasi ein gutes Abbild über das Suchvolumen in diesem Land zeigen.

Markus Hövener: Euer Plan ist jetzt aber nicht, ich sag mal, die Welt abzudecken, sondern wahrscheinlich sind nur bestimmte Länder für euch interessant, wo ihr dann später eben auch potenziell entweder direkt in dem Land Kunden findet oder wo ihr sagt, eure Bestandskunden, also internationale Unternehmen, wollen jetzt Aserbaidschan noch mit dabeihaben?

Johannes Beus: Genau. Also ich meine, letztendlich muss es irgendwer bezahlen, das ist auch klar. Die Erhebung von diesen Suchergebnissen ist teuer, das Verarbeiten ist teuer. Wir speichern alle Daten komplett, wir haben quasi noch alle Daten aus 2008 komplett vorliegen. Wir werfen nichts weg, wir vermischen keine Daten, wir rechnen nichts zusammen. Haben viele, viele Terabyte an Daten da mittlerweile liegen. Das ist natürlich teuer und da müssen wir abwägen zwischen, wie vielen unserer Kunden oder potenziellen Kunden nutzt das eigentlich und was kostet das? Und da versuchen wir immer sinnvolle Mittelwege zu finden.

Markus Hövener: Kannst du mal insgesamt sowas zu der Infrastruktur sagen? Also was habt ihr wo an Servern stehen, also was braucht man, um so eine Toolbox zu betreiben?

Johannes Beus: Wir nutzen insgesamt über 1000 Server mittlerweile, also echte physische Server, nicht quasi virtuelle Maschinen, sondern echte physische Server. Mieten die in der Regel, betreiben sie aber komplett selber und haben das nicht in der Cloud, sondern das sind quasi echte physische Server bei echten Hostern, die für uns da stehen und arbeiten.

Markus Hövener: Datenmenge, also gibt es da irgendwas, was du kommunizieren möchtest, der übliche Wow-Faktor?

Johannes Beus: Naja, ich kann natürlich drüber reden, aber ich glaube, es hilft ja gar nicht so richtig. Also wir verarbeiten schon jede Woche viele Terabyte an Daten, aber so eine richtige Vorstellung davon kann sich ja doch keiner machen.

Markus Hövener: Jetzt ist es ja so, ihr erhebt ja Daten, also ihr holt euch Rankings, ihr holt euch Keyword-Suchvolumen und solche Sachen. Das ist ja wahrscheinlich, jetzt mal provokant gefragt, ein Verstoß gegen die Terms of Service von Google, weil ihr eben automatisiert Sachen abfragt. Merkt ihr, dass Google da irgendwie gegen vorgeht oder seid ihr jetzt mittlerweile so unter dem Radar und das ist alles so, das passt schon so?

Johannes Beus: Naja, also ich glaub mein Verständnis davon ist, dass Google natürlich die Terms of Service hat, aber Google Terms of Service sind ja kein deutsches Gesetz. Das ist quasi Googles Verständnis davon oder Googles Wunsch davon, wie sie es gerne hätten, aber trotzdem bieten sie einen öffentlichen Service an und wer einen öffentlichen Service anbietet, der muss auch damit leben, dass Leute auf diesen öffentlichen Service zugreifen, sonst muss er halt ein Passwort davor machen. Und ich glaube, dass wir in Summe allen Marktbeteiligten helfen. Also wir helfen durch die Transparenz, die wir herstellen, auch Google, wir helfen Webseitenbetreibern und deswegen sehe ich keinen wirklichen Konflikt mit Google.

Markus Hövener: Also du merkst aber auch nicht, dass Google das in irgendeiner Weise bekämpft, oder? Also Scrapen war ja schon mal leichter ganz früher.

Johannes Beus: Naja, ich meine, also wahrscheinlich merkt es jeder, der irgendwie bei sich im Büro mit ein paar Leuten auf der gleichen IP arbeitet und mal ein bisschen seltsamere oder andere Suchabfragen gemacht hat, dass relativ schnell ein Captcha kommt. Also das ist wahrscheinlich Googles gutes Recht, das so zu machen, aber es ist natürlich auch unser gutes Recht, da gar nicht so drauf einzugehen.

Markus Hövener: Das ist ja nett formuliert. Gut, lass uns nochmal über Sichtbarkeitsindex sprechen. Ich stehe dem Ganzen ja nicht immer unkritisch gegenüber, einfach weil ich in der Praxis häufig feststelle, also ob es entweder Agenturkunden sind oder Seminarbesucher, dass viele eigentlich damit gar nicht umgehen können. Da gibt es irgendwelche Zuckungen und die Leute rasten gleich aus. Das heißt, so ein Sichtbarkeitsindex erfordert natürlich Interpretationen. Vielleicht mal anfangend mit der Frage so: Wie kann ich eigentlich normale oder unnormale Schwankungen unterscheiden?

Johannes Beus: Also wir haben mittlerweile den täglich aktualisierten Sichtbarkeitsindex, wo wir auch in Deutschland jedes Keyword, das in dem Sichtbarkeitsindex drin ist, täglich aktualisieren, also die Daten quasi jeden Tag frisch von Google holen, sie frisch verarbeiten und auch frisch dann bei uns anzeigen. Und da macht es auf jeden Fall Sinn, sich quasi mehrere Tage nacheinander anzuschauen, dass man quasi nicht auf einzelne Tage guckt, sondern sich mehrere Tage nacheinander anschaut und guckt: Gibt es da langfristigere Trends, die sich ändern? Also sind es quasi nicht nur einzelne Datenpunkte, wo es Änderungen gibt, sondern gibt es langfristige Geschichten, die sich ändern? Also wir sehen das zum Beispiel bei uns, wenn wir bei uns einen Blogbeitrag schreiben, der für irgendein Google-relevantes Keyword gut rankt, dann sehen wir relativ schnell einen starken Peak, weil wir auf einmal quasi, Google selber merkt dann, das ist vielleicht grad ein Begriff, der in dieses Query, das Freshness Thema reinfällt, da hatten wir das bei Google for Jobs jetzt relativ stark. Und auf einmal haben wir einen sehr starken Peak. Der geht aber nach ein paar Tagen wieder zurück, weil wir quasi aus diesen Suchergebnissen mit Google drin, wo sehr viel Traffic drauf ist, wieder rausfallen. Deswegen macht es glaube ich Sinn sich ein bisschen längere Zeiträume anzugucken und schauen, ist das in der nächsten Woche immer noch so?

Markus Hövener: Glaubst du, dass alle eure Kunden den Sichtbarkeitsindex korrekt verstehen?

Johannes Beus: Ich glaube, dass wir sehr viel dafür tun, dass sie es können. Also ich meine, es ist halt auch, die Hersteller von Bohrmaschinen, die können auch nicht sicherstellen, dass jeder perfekte Löcher bohren kann. Das ist leider so. Aber trotzdem haben wir natürlich ein sehr großes Interesse daran, dass sie es theoretisch können und dass wir ihnen alle Methoden und alle Hilfestellung anbieten, die es gibt. Das machen wir mit unseren Seminaren, das machen wir mit Webinaren, wir haben umfangreiche Hilfetexte dazu geschrieben. Und versuchen schon, den Leuten so gut unter die Arme zu greifen, wie es geht.

Markus Hövener: So grundsätzlich, aus der Interpretation der Daten haltet ihr euch ja so wie alle anderen Toolhersteller eigentlich auch raus. Das heißt, wenn es jetzt irgendwie 50 Prozent nach unten geht und man könnte als Mensch jetzt vielleicht sehen, hey, dein Blog hat aber 50 Prozent verloren, der Rest ist eigentlich vollkommen okay, solche Sachen muss ich mir immer selber zusammenklicken oder muss halt selber rausfinden, was da schiefläuft. Habt ihr jemals oder denkt ihr darüber nach, auch so, weiß nicht, KI oder irgendwie Interpretation da mit reinzugeben?

Johannes Beus: Genau. Also wie gesagt, ich habe ja angefangen als SEO Berater, aber als ich dann gesagt habe, ich will jetzt Software machen, habe ich gesagt, ich mache nur Software. Also für mich war keine Option, nebenbei noch die Agentur weiterzuführen oder weiter Beratung zu machen. Oder ich meine, das heißt heute glaube ich eher so Professional Services. Das war für mich nie eine Option, deswegen habe ich damals 2008 einen sehr klaren Cut gemacht, habe meine Kunden damals in eine andere Agentur überführt und gesagt, wir machen jetzt rein Software und werden nie ein Wettbewerber von unseren Kunden sein. Und das haben wir bis heute durchgehalten und haben auch nicht vor, das zu ändern. Das heißt, wir werden nie zu einem Punkt kommen, wo wir quasi für die Kunden Empfehlungen ausgeben, also wo wir SEO Beratung machen. Das liegt auch einfach daran, dass viele SEO Beratungen und viele Agenturen bei uns Kunde sind und wir wollen da nie in so ein unangenehmes Wettbewerbsverhältnis kommen, dass ja sonst irgendwie entstehen kann. Aber wir versuchen natürlich schon, mit Tutorials und mit unseren Seminaren den Leuten quasi zu helfen, wie sie das selber hinkriegen. Also quasi eine Anleitung zu geben, guck mal hier, deine Domain hat in den letzten 3 Monaten Sichtbarkeit verloren. Was sind die üblichen Schritte, um zu verstehen, an was es liegt. Also schau dir erstmal die verschiedenen Hostnamen an, gehe dann in den betroffenen Hostnamen rein, gucke dir dann die Verzeichnisse an. Gibt es da irgendwelche Trends? Gibt es da quasi Hinweise, dass es bestimmte Content-Typen sind, die betroffen sind? Gehe dann nochmal rein, schaue dir die Rankingverläufe an. Also da versuchen wir schon zu zeigen, wie man das selber analysieren kann. Wir sind aber nicht die, die es für Kunden analysieren werden.

Markus Hövener: Also ihr bleibt dabei, dass ihr quasi Daten liefert oder auch die Sicht auf die Daten, aber nicht die Interpretation des Ganzen?

Johannes Beus: Genau.

Markus Hövener: Ich habe mir noch so ein paar Stichpunkte aufgeschrieben. So erstmal grundsätzlich das Thema Lokalisierung von Suchergebnissen, ist das für euch ein relevantes Thema?

Johannes Beus: Es ist ein relevantes Thema, weil es schon mittlerweile recht breit ist. Also es gab ja lange schon so die Vermutung, dass Google Ergebnisse individualisiert. Da hat Google vor einiger Zeit gesagt, machen sie gar nicht. Also es ist nicht so, dass für einen generischen Begriff du deutlich andere Suchergebnisse hast als ich. Das kann passieren, wenn wir auf anderen, auf unterschiedlichen Google Rechenzentren landen, die einen leicht anderen Stand haben, wo der Index leicht anders ist. Da gibt es leichte Unterschiede, aber es ist kein Massenphänomen, wo man sagen muss, jede Person in Deutschland erhält andere Treffer. Bei der Lokalisierung ist es aber schon so, dass sobald Google erkennt, es sind Suchbegriffe, die haben quasi einen lokalen Bezug, also wenn jemand nach „Hotel“ sucht, wenn jemand nach „Restaurant“ sucht, wenn jemand nach „Autovermietung“ sucht, dann ist es sehr anders, wenn du in Berlin suchst, als wenn du in Hamburg suchst oder in Bonn suchst. Da ist unsere Ansicht darauf, dass quasi das, was wir im allgemeinen globalen Sichtbarkeitsindex für Deutschland messen, das sind quasi die globalen Treffer überall ist. Also wenn du quasi alle lokalen Ergebnisse zusammenpackst und das dann gewichtest, dann ist das, was wir dir in dem globalen Sichtbarkeitsindex anzeigen. Wir haben aber auch die Möglichkeit, dass man sich einen individuellen eigenen Sichtbarkeitsindex bauen kann, wo man sagen kann, ich will die Ergebnisse für diese eine Stadt drin haben. Da gibt es sicherlich manche Branchen und manche Bereiche, da macht das total viel Sinn. Wie gesagt, wenn man vielleicht irgendwie Auto vermietet oder Hotels betreibt, dann macht es total viel Sinn, dass man da quasi einen eigenen Cluster hat und sich quasi selber einen eigenen Sichtbarkeitsindex für die Sichtweise einrichtet, die man braucht.

Markus Hövener: Vielleicht super Stichwort, eigener Sichtbarkeitsindex, das bietet ihr auch an. Das ist dann aber ein anderes Modul, richtig?

Johannes Beus: Genau. Das ist ein eigenes Modul, das ist dann im Optimizer drin, das machen wir schon relativ lange. Da kannst du dann selber definieren, guck mal hier, ich habe 1000 Keywords und das sind die 1000 Keywords, die sind für mich wichtig. Mir ist vollkommen egal, was es sonst noch so gibt, ich will quasi nur einen Sichtbarkeitsindex auf diesen 1000 Keywords. Und dann errechnen wir den individuell für dich. Also wir crawlen diese 1000 Keywords für dich, erheben die regelmäßig und errechnen quasi einen Sichtbarkeitsindex für dich und deine Branche und dein Thema.

Markus Hövener: Noch eine Frage, die mir auch kam, ist, ihr seid ja von den Daten her jetzt eigentlich 100 Prozent Google-lastig. Für internationale Kunden könnte das ja anders relevant sein, also dass ich sage, ich habe auch so und so viel Prozent Bing oder Yandex. Ist das für euch ein Thema?

Johannes Beus: Das ist auch im Optimizer ein Thema. Da kannst du quasi diesen eigenen Sichtbarkeitsindex, da kannst du nicht nur Lokalisierung einstellen, sondern du kannst auch andere Suchmaschinen nehmen. Du kannst auch sagen, ich ziehe mir da Bing mit rein, ich ziehe mir Yandex mit rein, alles, was es halt so gibt.

Markus Hövener: Aber in der Toolbox selber ist es halt nicht, da ist es immer Google?

Johannes Beus: Genau. In der Toolbox selber ist es Google und wenn man sich die Marktanteile anschaut, gerade die die mobilen Marktanteile, macht auch einfach alles andere wirtschaftlich keinen Sinn. Ich glaube, Google ist mittlerweile in Deutschland mobil bei 98 Prozent, waren so die letzten Zahlen, die ich gesehen habe. Für die restlichen 2 Prozent, also der Aufwand, den wir für eine zusätzliche Suchmaschine treiben müssten, der ist ja genauso groß wie für Google. Und quasi dadurch müssten die Kosten für das Modul deutlich ansteigen und ich glaube, das ist nahezu keiner bereit zu zahlen.

Markus Hövener: Gut. Vielleicht mal so die große Schlussfrage: Wie geht es für euch weiter? Also glaubst du, dass es die Toolbox in 5 Jahren so noch gibt oder was habt ihr noch auf dem Zettel? Kannst du irgendeinen Ausblick geben?

Johannes Beus: Also ich bin sehr, sehr sicher, dass es Sistrix in der Form in 5 Jahren noch gibt. Wir sind jetzt 12 Jahre alt und hättest du mich vor 12 Jahren gefragt, hätte ich gesagt, ja, schauen wir mal, aber mittlerweile bin ich mir sehr sicher, dass quasi das Verständnis von Internetsuche elementar ist. Also dass unsere Wirtschaft quasi Verständnis von Plattformen haben muss. Da war Google quasi eine der ersten Plattformen, die gekommen ist. Mittlerweile sind wir auch dabei Amazon-Daten zu erheben. Wir werden uns noch andere Plattformen anschauen. Wir haben angefangen mit Instagram, die haben auch eine Suche, auch wenn es quasi eine Hashtag-Suche ist, die ist ein bisschen anders. Und wahrscheinlich werden wird uns auch noch weitere Plattform anschauen. Und ich bin mir sehr sicher, dass quasi wir als Europäer werden wir schon gucken müssen, dass wir in den nächsten Jahren mit den Plattformen klarkommen, die alle nicht aus Europa kommen. Das ist, glaube ich, quasi, wenn man so einen Schritt zurückgeht, dann leben wir jetzt halt in einer Welt, wo quasi ein großer Teil von den B2C-Kunden-Beziehungen nicht mehr in der Hand liegen wie früher von den Herstellern oder von den Händlern, sondern die liegen halt mittlerweile bei Google, die liegen bei Amazon und die liegen vielleicht auch bald noch bei TikTok oder sonst wo. Und ich glaube, da ist es für uns als Wirtschaftsnation schon sehr wichtig, da noch einen halbwegs transparenten Blick drauf zu haben. Und ich glaube, da werden wir auf jeden Fall helfen.

Markus Hövener: Also mein Zettel ist komplett abgearbeitet. Hast du noch was, was du uns noch erzählen möchtest?

Johannes Beus: Genau. Also einen Punkt, den du relativ früh am Anfang angesprochen hattest, war die Index-Größe. Wir haben ja angefangen damit in Deutschland eine Viertelmillion Keywords in den Sichtbarkeitsindex einzurechnen, haben dann, als wir weitere Länder hinzugenommen haben, sind wir direkt bei 1 Million gestartet, und jetzt kurz vor Weihnachten haben wir den Schritt auch in Deutschland gemacht, das auf 1 Million Keywords anzuheben, sodass wir jetzt in allen Ländern den Sichtbarkeitsindex auf 1 Million Keywords berechnen und da quasi die gleichen Grundbedingungen für alle Sichtbarkeitsindizes in der Toolbox geschaffen haben.

Markus Hövener: Prima. Okay, gut. Wie gesagt, ich habe keine Fragen mehr, I rest my case. Ich danke dir, Johannes. Vielen Dank für die offenen Worte.

Johannes Beus: Ja, sehr gerne.

Markus Hövener: Vielen Dank euch da draußen fürs Zuhören. Und wie gesagt, wenn ihr das 1 Prozent seid, was Sistrix noch nicht kennt, geht einfach auf die Website, informiert euch, werdet auch gerne Kunde natürlich, völlig klar. Ansonsten wie gesagt, vielen Dank fürs Zuhören und bis bald. Tschö!

Johannes Beus: Tschüss!

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Markus Hövener

Markus Hövener ist Gründer und Head of SEO der auf SEO und SEA spezialisierten Online-Marketing-Agentur Bloofusion. Als geschäftsführender Gesellschafter von Bloofusion Germany ist er verantwortlich für alle Aktivitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Markus Hövener ist Buchautor (International SEO), Autor vieler Artikel und Studien rund um SEO und SEA und Chefredakteur des Magazins suchradar.

In seiner Freizeit hat Markus vier Kinder, spielt gerne Klavier (vor allem Jazz) und hört auf langen Autofahrten „Die Drei Fragezeichen“.

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