Fachkräftemangel im Online-Marketing: Was Hänschen nicht lernt…

6. Januar 2016 | Von in Agenturleben

Unsere Branche ist hipp, modern und leider auch nicht vom Fachkräftemangel verschont. Die guten Perlen im Töpfchen sind auch bei uns Mangelware. Obwohl doch eigentlich die heranwachsende Generation der „Digital Natives“ eine Sechser-Lotto-Runde bedeuten müsste. Praktisch sieht das allerdings anders aus.

Medienkompetenz reicht nicht aus

Zwei grundsätzliche Probleme, die sich allerdings auch gegenseitig bedingen: Zum einen gibt es immer noch keine tatsächlich klar gegliederte Ausbildung. Egal ob Mediengestalter, Kaufleute für Marketingkommunikation oder IT-Systemkaufmann – man kann unter dem „Deckmantel“ dieser Berufe Online-Marketer ausbilden, geht dann aber rein faktisch am Berufsbild vorbei, schaut man einmal in die Vorgaben des BIBBs.

Zum anderen wird unserer doch eigentlich so internetaffinen Generation Z im Bezug auf die ganze Branchen-Maschinerie, die nun einmal hinter „dem Internet“ steckt, herzlich wenig vermittelt. Es gibt Medienaufklärung, AGs zur verantwortungsbewussten Mediennutzung, Workshops gegen Cybermobbing und alles Mögliche (wie kompetent das Ganze von Lehrkräften durchgeführt werden kann, die am liebsten noch am Overheadprojektor selbst skizzierte Folien anschlagen, sei mal dahin gestellt und soll hier nicht thematisiert werden). Nur dass das Internet nicht nur Gefahren bietet, sondern durchaus eine sehr große und vor allem stark wachsende Branche ist, die durchaus interessante und sichere Arbeitsplätze bietet, wird leider irgendwie vergessen.

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“Hocken doch eh den ganzen Tag vor dem Internet” Kinder und Jugendliche

Defizite zwischen Nutzen und Wissen

Anscheinend muss hier irgendetwas durch Bundesinstitut für Berufsbildung, Arbeitsagentur, Schulen oder ähnliches die letzten zehn Jahre verpasst worden sein. Für mich gehört zur Medienkompetenz genauso dazu, dass ein Jugendlicher weiß, dass es bei der Google Ergebnisliste nun eben nicht nur die „echten“ Ergebnisse gibt, sondern (Oh Wunder!) auch Werbung. Und dass man diese Ergebnisse sogar selbst beeinflussen kann, kann dann sogar noch echte Begeisterungsstürme bei unseren “Digital Natives” auslösen. Sie sind doch durchaus interessiert, nur die Brücke zum Berufsfeld „Online“, die wurde bisher nicht geschlagen.

Obwohl sie Internet und soziale Medien nutzen wie unsere Generation Kassettenrekorder und Bücher, sind sie mit den beruflichen Chancen in diesem Bereich einfach nicht wirklich vertraut. Für mich herrscht hier das größte Defizit, das viel früher angegangen werden könnte. Jugendliche sollten in „Berufsbildungszentren“ „Orientierungswochen“ oder ähnlichen Veranstaltungen nicht nur über die Arbeit als Bäcker, Bankkaufmann oder Bäderbetriebsfachkraft, sondern gezielt über diese neuen Berufschancen informiert werden. Und um den Umkehrschluss wieder herzustellen: Dann würde vermutlich auch mehr in der Ausarbeitung „richtiger Berufsbilder“ in diesem Bereich mit Ausbildungs- oder Studienwegen investiert werden.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag zum Ende

Mein 13-jähriger Neffe gibt zum Beispiel seit zwei Jahren als Berufswunsch konsequent „YouTube-Star“ an. Nun kann ich ihm schlecht dazu raten, die Schule abzubrechen und sich völlig auf die Produktion von Gaming-Videos zu konzentrieren (wäre auch nicht förderlich für die Beziehung zu meiner promovierten Schwester). Aber ich kann ihm aus unserem Agenturalltag erzählen, in dem wir Unternehmen bei der Produktion von YouTube-Videos helfen, mit ihnen zusammen Strategien für Video-Werbung auf Facebook entwerfen und wir uns auch gerne selbst mal vor die Kamera stellen um den neusten heißen Sc** in Sachen Online Marketing vorzustellen. Und auch wenn er jetzt nicht nächste Woche direkt als Praktikant bei uns anfangen will, hat er (und auch meine Schwester!) zumindest auch eine Vorstellung davon bekommen, was er als „YouTube-Star-nahe-Alternative“ beruflich machen kann. 😉

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Julia Leutloff

Julia Leutloff ist Head of Social Media bei der Online-Marketing-Agentur Bloofusion und betreut dort Kunden im Bereich Social Media Advertising und Marketing. Hier im Blog schreibt sie deshalb mit Vorliebe rund um das Facebook-Universum und seine vielen unterschiedlichen Galaxien.

Privat ist Julia vor allem sportlich unterwegs und ist eigentlich immer irgendwo an der Wand, auf dem Wasser oder im Schnee zu finden.

Julia ist zudem als OMT-Expertin ausgezeichnet. SEMY-Gewinner-2019

Julia Leutloff ist in den folgenden sozialen Netzwerken zu finden:

11 Kommentare zu “Fachkräftemangel im Online-Marketing: Was Hänschen nicht lernt…”

  1. Stephan

    “Digital Natives” bedeutet doch nur, dass bestimmte Menschen mit digitalen Technologien groß geworden sind. Meiner Meinung nach bedeutet es jedoch nicht, dass die “Digital Natives” prinzipiell auch gleichzeitig alle Mechanismen dahinter bzw. die größeren Zusammenhänge der verschiedenen Disziplinen verstehen.

    Ich denke ein Hauptproblem besteht darin, dass von einem Digital Native inzwischen fast zu viel erwartet wird. Um im Online-Marketing wirklich durchzublicken, sind viele Jahre Berufserfahrung notwendig. Das kann und wird auch in Zukunft keine Ausbildung leisten können. Damit Fachkräfte nachrücken können, müssen wir dem Nachwuchs zunächst mal die Möglichkeit geben, Erfahrungen sammeln zu können.

  2. Julia Leutloff

    Heyho Stephan,
    danke für deinen Kommentar! Da hast du natürlich Recht. Meine Erwartung gegenüber den “Digital Natives” ist auch keinesfalls die, dass sie alle von Natur aus quasi prädestiniert für einen Job im Online-Marketing sind – nur weil sie mit digitalen Technologien aufgewachsenen sind.

    Vielmehr wünsche ich mir, dass zum einen das Potenzial, welches die Branche als Arbeitsfeld und -geber hat, stärker erkannt und dadurch dann zum anderen auch frühzeitig mehr gefördert (und als solches auch Schulabgängern vorgestellt) wird. Natürlich braucht eine Fachkraft Berufserfahrung und Zeit, sich diese anzueignen, aber m.M. wird zu viel Zeit bis zu einem tatsächlichen Einstieg verschwenden, da das Wissen um diese Möglichkeit einfach nicht da ist.

    Liebe Grüße
    Julia

  3. Mario Fischer

    Schick ihn zu uns an die FH Würzburg (wenn der Abi-Schnitt später passt). Studiengang E-Commerce, 7 Semester, Bachelor of Science. Sehr gute Ausbildung garantiert. Und wir haben keine Overheads mehr… 😉
    http://www.welearn.de/bachelor-e-commerce/
    Gruß,
    Mario
    PS: Du hast nat. völlig Recht. Die akademische Ausbildung in diesem Bereich ist aktuell noch desaströs und das wird sich so schnell, das KANN sich so schnell auch gar nicht ändern. Leider. Ist eine 1a Wachstumsbremse in D und ganz Europa.

  4. Julia Leutloff

    Heyho Mario,
    danke dir! Ich gebe das mal so weiter, dann strengt er sich vielleicht auch mehr an… 😉

    LG
    Julia

  5. Andreas Becker

    Da stehen wir aber immerhin nicht ganz allein, die Bildungsmöglichkeiten sind auch auf der anderen Teichseite noch ausbaufähig.
    Hierzulande kommt ja Google nach München um Start-Ups Tipps zu geben und wird dafür als das große Böse in ZDF-Reportagen verunglimpft 🙂

    Der unterschied zwischen Nutzen und Wissen liegt halt an der Natur der Sache. Ich gehe davon aus besser Auto zu fahren als der Durchschnitt (wovon ja alle Männer ausgehen) – trotzdem, springt er nicht an muss ich zur Werkstatt. Nur weil ich fahre, kann ich’s nicht reparieren (will ich auch nicht).

  6. Julia Leutloff

    Heyho Andreas,

    danke für deinen Kommentar. Also ich bin da bei dir und ich wollte auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich davon ausgehe, dass jeder der Generation Z automatisch ein Experte für IT, Online Marketing oder sonst was aus der Tech-Branche sein muss/werden soll nur weil er mit diesen Gerätschaften aufgewachsen ist und sie nutzt.

    Wobei der Grund eines nicht anspringenden Autos im Regelfall eine zu schwache Starterbatterie ist 😉

    LG
    Julia

  7. Simone Steiner

    “Jugendliche sollten in „Berufsbildungszentren“ „Orientierungswochen“ oder ähnlichen Veranstaltungen nicht nur über die Arbeit als Bäcker, Bankkaufmann oder Bäderbetriebsfachkraft, sondern gezielt über diese neuen Berufschancen informiert werden.”

    Ich sehe diese Aufgabe auch bei den Unternehmen, die ja ein großes Interesse an neugierigen und motivierten Azubis und Hochschulabsolventen haben. Statt also (nur) zu jammern, geht doch in die Schulen und stellt Euer Berufsfeld vor. Die Lehrer, für die SEO, SEA, Affiliate & Co. doch in der Regel böhmische Dörfer sind, können das meines Erachtens nicht leisten – zumal sich auch ständig neue Spezialgebiete entwickeln oder Tätigkeiten verschmelzen, wie z. B. SEO, Content und PR.

    Ich denke, dass die meisten Menschen schon jetzt um entsprechende “digitale Kompetenzen” nicht herum kommen. Z. B. wird von MarketingassistentInnen und SekretärInnen doch inzwischen ganz selbstverständlich verlangt, dass sie mit dem CMS ebenso routiniert umgehen wie mit Outlook oder Word und dass die Flyer bei der Online-Druckerei geordert werden.

    Bildet Bloofusion eigentlich aus?

  8. Julia Leutloff

    Heyho Simone,
    danke für deinen Kommentar! Also so ist es auch gedacht: Es muss nicht die Aufgabe von Lehrern sein, diese Berufsfelder vorzustellen. In Orientierungswochen kommen ja zumeist “Bäcker, Bankkaufmann oder Bäderbetriebsfachkräfte” und stellen ihren Beruf vor. Niemand kann Berufe besser vorstellen und vor allem wohl auch eine echte Begeisterung dafür mitbringen/vermitteln als diejenigen, die ihn ausüben (Immer vorausgesetzt derjenige hat natürlich auch Spaß ;-)…). Wir waren deswegen auch schon genau bei solchen Veranstaltungen (z.Bsp. hier http://www.internetkapitaene.de/2014/12/03/von-der-archaeologie-zum-online-marketing/).
    Aber eben weil es keinen Ausbildungsberuf gibt, der tatsächlich die Anforderungen des Online-Marketings abdeckt, bilden wir aktuell noch nicht aus. Wir gehen daher den Weg über Praktika und Traineeships um trotzdem genau diese neugierigen und motivierten jungen Menschen “zu bekommen” 🙂

    LG
    Julia

  9. Ralf

    Hi Julia,

    gutes Thema, Beitrag ist auch gut, wobei ich vor dem “institutionalisierten Lernen” (uff, hab ich das grad geschrieben?) immer zurückschrecke. Nichts ist so real wie die Realität und ich zieh jemand mit 2 Jahren “Hands On” Erfahrung immer einem Studierten vor. Deshalb unterstreiche ich auch das “Chance geben” von Stephan weiter oben ganz dick. Ich sehs bei uns, die jungen Leute haben gute und unverbrauchte Ideen. Sie können sie halt vielleicht nicht so artikulieren, wie wir es gewohnt sind – deshalb sind sie aber nicht Müll. Zuhören, mitdenken – so haben wir schon einige geile Ideen umsetzen können.

    Ansonsten seh ich das Problem, dass es für die paar guten Perlen im Töpfchen (oder eher die, die sich gut selbst darstellen?) einige gutbezahlte Jobs im Online Marketing gibt. Viele andere müssen sich aber mit Trainee Stellen und Jobs mit Bezahlung auf Hausmeisterniveau abfinden. Das lockt auch nicht unbedingt in die Branche zu wechseln.

    Und IMO machen gaaanz viele Unternehmen noch den Fehler, die eierlegende Wollmilchsau suchen. “Du hast Erfahrung und Referenzen im E-Mail Marketing, Conversion Optimierung, Adwords, Landing Page Design, Onpage SEO, Big Data Analysis, kennst mindestens 3 gängige SEO Tools in- und auswendig und beherrscht nebenbei HTML/CSS/Javascript, um unsere Webseite später updaten zu können.” Und dann wundern, wenn sich niemand bewirbt! Liegt vielleicht auch an der mangelnden Kompetenz der Entscheider, die Stellen nach dem Wunschzettel-Prinzip ausschreiben lassen.

    Wir haben die Buzzword-Challenge bei Ausschreibungen schon lang ad acta gelegt. Klar willst du Referenzen sehen, willst du wissen, er / sie so gemacht haben. Aber viel wichtiger find ich, dass der Mensch lernfähig, neugierig und menschlich OK ist! Nach drei Jahren muss ich sagen: Das kriegt man im ersten lockeren Gespräch schon ganz gut raus. Intuitiv. Wenn einer schon selbstgefällig im “Ich-kann-Ich-mach-Ich-tue” Stil daher kommt, dann ist das schon mal Alarmsignal für mich. Und damit bisher super gefahren. My two cents (ja, heut spendabel ;-))

  10. Julia Leutloff

    Moin Ralf,
    danke noch für dein Feedback.
    Jao, da bin ich bei dir. Und ich bin auch bestimmt kein Verfechter des in Deutschland immer noch vorherrschenden Akademisierungswahn. Wir haben hier auch gute und motivierte Leute sitzen mit sehr unterschiedlichen Viten. Ich denke, außer mit der Denke “jemanden eine Chance geben” kommt man sonst auch als Agentur nicht unbedingt an guten lernwilligen Nachwuchs heran (Zumindest wenn man nicht in den drei großen Städten B/HH/M seine Agentur hat ;-)…) Und vor allem auch nicht, wenn man wie du schon richtig geschrieben hast, dann auch kein faires Gehalt bietet. Allerdings sind es m.M. genau oft die Agenturen, die dafür eben exakt auch noch die eierlegende Wollmilchsau suchen, die dann in einem befristeten Ein- bis Zweijahres Trainee für wenig Geld “alles” macht.

    Doch hoffe/glaube ich, dass das die Ausnahme ist oder werden wird. Ich glaube, dass “wir” eine gute, offene und eigentlich auch sehr faire Branche sind, die durchaus viel Potenzial für junge Menschen bietet. Es wäre halt wünschenswert, dass das von noch mehr Leuten erkannt wird… 😉

    Viele Grüße
    Julia

  11. Florian

    @Mario Fischer: Seid ihr eigentlich die einzigen in Deutschland die “diesen Beruf” professionell ausbilden? Zumindest habe ich hier im Rheinland noch von keinem ähnlichen Studiengang lesen können und die Akademie in Berlin gibt es in der ersten Form nicht mehr bzw. sind die ganzen Dozenten abgesprungen, oder?

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